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Was geschieht mit zweitklassigem Gemüse?

"Wir rechnen hier mit Stellen hinterm Komma"

Ein Feld bei Seevetal, vor den Toren Hamburgs. Es riecht nach Kohl. Die Abendsonne brennt 25 Rumänen auf die Rücken. Sie stehen hinter und auf einer zwölf Meter breiten Ernteanlage der Behr AG, einem der größten deutschen Gemüseproduzenten und Lieferanten des Lebensmitteleinzelhandels. Hinter der Maschine ziehen Männer Kohlrabis aus der Erde, hacken ihnen die Wurzeln und einen Teil der Blätter ab. Ein Förderband transportiert das Gemüse dann eine Ebene höher, wo Frauen grüne Plastikstiegen vollpacken, die gleich dahinter in einen LKW-Anhänger gestapelt werden, den ein Traktor langsam vorwärts zieht.

5500 Stiegen passen in einen Laster. In jede davon kommen 20 Kohlrabis. Es haut immer hin. Denn unten ziehen die Männer nur etwa gleich große, makellose Früchte aus der Erde, mindestens neun Zentimeter Durchmesser, glatte pastellgrüne Außenhaut, tiefgrünes Laub. Es dauert ein paar Augenblicke, ehe man begreift, dass man auf dem abgeernteten Teil des Feldes steht. Denn auch hier liegt noch alles voller Kohlrabis. Im Schnitt fünf oder sechs, einmal sogar elf Stück sind es pro Quadratmeter. Alles Ausschuss.

Für Heiner Sievers, Betriebsleiter bei der Behr AG, ist das kein beunruhigender Anblick, sondern ein alltäglicher. Mindestens 70 Prozent der Früchte, eher aber 80 würden hier vom Feld geholt, schätzt er. Eine gute Quote. Die Erträge aus dem Verkauf werden für einen Gewinn reichen. Was auf dem Feld bleibe, sagt Sievers, sei für den Verkauf deutlich zu klein, habe Risse, Hagelschäden, Verwachsungen oder einen Makel in der Außenhaut, verursacht vom Rapsglanzkäfer zu Beginn des Reifeprozesses. Er zeigt so eine Stelle, und man erinnert sich dunkel, dass das vor Jahrzehnten ein üblicher Anblick war. Heute ist jede Schrunde Kassengift. „Das würde die Kundin im Supermarkt liegen lassen“, sagt Sievers emotionslos. Außerdem: Was nicht gut genug ist, reklamiert der Handel sowieso. Weil er weder „die Kundin“ noch die Händler verärgern will, lässt er die Früchte mit Makel darum auf dem Feld. Hier, quasi an der Wurzel, sind sie am billigsten zu entsorgen.

Vermarktung von B-ware
Würden die Mitarbeiter der Behr AG die zweitklassigen Kohlrabis doch ernten, müssten sie die Früchte gleich auf dem Feld in eine extra Charge packen und etikettieren, sie anders verladen, sie – Wochen im Voraus – mit möglichst konkreten Mengenangaben zu niedrigeren Preisen an den Einzelhandel vermarkten. Doch selbst wenn es Interesse an solcher Ware gäbe (sie sind sich hier sicher, das dem nicht so ist), warnt Rudolf Behr, Sievers’ Chef: „Es rechnet sich einfach nicht, da wir so sorgfältig arbeiten, dass nur eine geringe Menge an B-Ware anfällt.“

Behr ist Herr über 4000 Hektar Gemüseäcker in Niedersachsen, Mecklenburg und Spanien. 300 Festangestellte hat er, 1200 Arbeitskräfte aus Osteuropa ernten in der Saison für den Deutschen. Die zusätzliche Logistik und Arbeitskraft für mangelhafte Ware, so erklärt der 63-Jährige, würde die knappen Margen, die im Handel mit Gemüse und Obst wie Börsenwerte steigen und fallen, auffressen. „Wir rechnen hier mit Stellen hinterm Komma, es geht um halbe Cents pro Kilogramm.“ Darum wird, was liegenbleibt, ein paar Tage an der Sonne trocknen, dann auf dem Feld zerkleinert und untergepflügt. Nach ein paar Wochen Regeneration kommt die Saat einer anderen Art in den Boden.

Rudolf Behrs Gemüse geht an die Supermärkte und Discounter im ganzen Land, in 50 LKW täglich. Er kann unter anderem Möhren und Zucchini, Broccoli und als erster Deutscher auch Mini-Pak-Choi anbieten. Bekannt aber ist Behr für seinen Salat. Er baut so ziemlich alle Sorten an, Bio und Nicht-Bio. Als Marktführer produziert er also jenes Gewächs, das die Verbraucher neben Kartoffeln am häufigsten in die Tonne kloppen – denn da landet jeder zweite gekaufte Salat. Dagegen sind die Verluste, die gleich auf dem Feld entstehen, mit 20 Proviele Gründe. Salat kann zu mickrig sein oder blitzschnell faulig werden von zu viel Regen. Er kann trotz Vorkehrungen Läuse bekommen oder musste gegen sie zu spät gespritzt werden. Wöchentlich werden bei der Behr AG die Pflanzen beprobt. Stimmen die Laborwerte nicht, nimmt der Handel die Salate nicht ab.

Zur Not wird untergepflügt
Und es gibt noch einen Grund, Ernte zu vernichten: wenn zu viel von einer Sorte Gemüse gleichzeitig auf den Markt drängt. Der erste Schritt ist dann, mit der Ware „in die Werbung zu gehen“, wie Behr sagt, also die Preise zu senken. Drückt das Überangebot aber so auf die Margen, dass für den Produzenten nichts übrig bleibt, schreibt Behr seine Ware gleich auf dem Feld ab. Mit der Fräse. Behr, der gern über die Schöpfung, die Überbevölkerung und die alternde Gesellschaft sinniert, wird darüber nicht sentimental. Im Schnitt, sagt er, verliere er mit jedem Hektar, den er vernichtet, 6500 Euro. Schon darum habe kein Landwirt ein Interesse daran, Ernten leichtfertig unterzupflügen.

Quelle: Enorm Magazin

Weitere Informationen:
https://behr-ag.com/  


Erscheinungsdatum:



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