Der europäische Bio-Sektor hat sich im vergangenen Jahrzehnt erheblich weiterentwickelt. Was einst als Nische galt, ist laut Eduardo Cuoco heute ein vollwertiger Akteur innerhalb des Lebensmittelsystems. Er feierte kürzlich sein zehnjähriges Jubiläum als Direktor von IFOAM Organics Europe und stand in dieser Rolle im Zentrum dieses Wandels.
© IFOAM Organics Europe
Er fasst die vergangenen zehn Jahre in einem Wort zusammen: 'Reife'. "Ich denke, wir als Sektor sind reifer geworden", reflektiert Eduardo. "Jahrelang sind wir fast automatisch gewachsen. Es war relativ einfach. Jetzt sind wir ein Sektor, der mehr über sich selbst nachdenkt und bewusstere Entscheidungen trifft."
Von Krisen geprägtes Wachstum
Diese Entwicklung verlief nicht ohne Herausforderungen. Laut Eduardo wurde der Sektor von einer Reihe externer Schocks geprägt. "Die vergangenen zehn Jahre waren von mehreren Krisen geprägt: der COVID-19-Pandemie, dem Krieg in der Ukraine und in jüngerer Zeit den Spannungen rund um die Straße von Hormus."
Diese Ereignisse zwangen den Sektor, sich selbst kritischer zu betrachten. "Die Frage lautete: Können wir unsere Kapazitäten nachhaltig erweitern? Und wie gehen wir mit einer Zeit um, in der Wachstum keine Selbstverständlichkeit mehr ist?"
Gleichzeitig sieht er aber auch einen positiven Effekt. "Aus agronomischer Sicht sind wir widerstandsfähiger. Wir verwenden weniger Düngemittel und Pestizide und können so besser mit steigenden Kosten umgehen. Aber in anderer Hinsicht sind wir genauso anfällig wie der Rest des Sektors."
Von der Regulierung zu einer umfassenderen politischen Rolle
Unter Eduardos Leitung hat sich auch die Rolle der Organisation erweitert. "Als ich anfing, waren wir fünf Leute, und der Schwerpunkt lag hauptsächlich auf der Regulierung. Jetzt sind wir etwa 35."
Dieses Wachstum spiegelt eine breitere Verlagerung wider. "Es geht nicht mehr nur um die Bio-Verordnung. Es geht um den Beitrag, den der ökologische Landbau zur europäischen Politik leisten kann. Wir haben einen Sitz an allen relevanten politischen Tischen."
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Der ökologische Landbau hat sich somit einen strukturellen Platz in der Agrarpolitik gesichert. "Wir sind nicht mehr eine kleine Nische von wenigen Erzeugern, sondern Teil des Agrarsystems."
Ein wichtiger Meilenstein in dieser Hinsicht war der Europäische Green Deal. "Wir haben dafür gesorgt, dass Bio nicht nur als Produktionsmethode, sondern auch als politisches Instrument gesehen wird."
Mehr als nur die Umwelt
Eine der wichtigsten Lehren der zurückliegenden zehn Jahre ist laut Eduardo, dass sich der Sektor breiter aufstellen muss. "Wir müssen Bio immer aus einer 360-Grad-Perspektive betrachten. Zu oft liegt der Schwerpunkt nur auf der Umwelt. Es besteht die Gefahr, dass wir nur als 'grüne' Lösung gesehen werden. Aber wir sind viel mehr als das."
Er verweist auf die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen. "Bio schneidet bei der Erneuerung der Generationen gut ab. Er zieht mehr junge Menschen und mehr Unternehmerinnen an."
"Außerdem", so sagt er, "stärkt der ökologische Landbau die ländlichen Gebiete. Wir tragen zu starken lokalen Versorgungsketten bei und ermöglichen es den Menschen, in ländlichen Regionen zu leben und zu arbeiten."
Er sieht auch wirtschaftliche Vorteile. "Es gibt Studien, die zeigen, dass Bioerzeuger im Durchschnitt ein besseres Nettoeinkommen haben als die Kollegen im konventionellen Anbau."
Wachstum: eine Kombination aus Politik und Marktkräften
Laut Eduardo wird das Wachstum des Bio-Sektors durch eine Kombination von Faktoren angetrieben. "Es ist eine Kombination aus Push- und Pull-Faktoren. Politische Unterstützung ist wichtig, aber man braucht auch Verbraucher, die ökologische Produkte kaufen."
In Zeiten hoher Inflation beobachtete er Veränderungen im Verbraucherverhalten. "Die Verbraucher wollten immer noch Bio kaufen, aber sie suchten nach billigeren Alternativen". Dies, so sagt er, erfordere eine klare Kommunikation. "Wir müssen zeigen, dass der höhere Preis von Bioprodukten auch eine gesellschaftliche Rendite bringt."
Öffentliches Beschaffungswesen als Hebel
Eine wichtige Wachstumschance liegt nach Ansicht von Eduardo bei den Regierungen selbst. "Das öffentliche Beschaffungswesen ist der einzige Teil des Marktes, der wirklich direkt von der Politik gelenkt werden kann."
Er plädiert für konkrete Ziele. "Wir wollen einen Mindestprozentsatz an Bioprodukten in der öffentlichen Verpflegung, etwa in Schulen und Kantinen."
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Die Auswirkungen könnten erheblich sein. "Wir schätzen, dass eine Steigerung des Bio-Anteils im öffentlichen Beschaffungswesen um 10 % zu einem beträchtlichen Marktwachstum führen könnte, das auf EU-Ebene die Milliardengrenze erreichen könnte, indem eine breitere Nachfrage und eine Ausweitung der Lieferkette angeregt wird. Schätzungen der FAO zufolge könnte eine 10-prozentige Verlagerung der Nachfrage auf biologische Produkte in der EU etwa 44.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen."
Dabei geht es nicht nur um die Substitution von Produkten, fügt er hinzu. "Es geht um einen umfassenderen Wandel: weniger Lebensmittelverschwendung, mehr saisonale Produkte und eine ausgewogenere Ernährung."
Nicht länger eine Nische
Außerhalb des Sektors wird der biologische Landbau oft noch als Nische betrachtet, aber diese Auffassung ist laut Eduardo überholt. "Wir sind raus aus der Nische. Und wir müssen entsprechend handeln."
Mit mehr als 10 % der landwirtschaftlichen Flächen in Europa, die inzwischen ökologisch bewirtschaftet werden, sieht er die Branche als eine ernstzunehmende Kraft. "Wir sind bereit, weiter zu expandieren, solange wir unsere Prinzipien beibehalten."
Gleichzeitig stellt er Unterschiede zwischen den Ländern fest. "In Ländern wie den Niederlanden gibt es noch ein erhebliches Wachstumspotenzial. In Italien ist die Produktion stark, aber der Inlandsverbrauch kann noch wachsen."
Keine Einheitsgröße für alle
Was die landwirtschaftlichen Praktiken betrifft, so fordert Eduardo eine differenzierte Betrachtung. "Es gibt keine Einheitslösung." Er verweist auf die Debatte über die Direktsaat als Beispiel. "Sie wird oft als die Lösung angesehen, aber in der konventionellen Landwirtschaft kann sie manchmal mit einem erhöhten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbunden sein."
Die Landwirtschaft, sagt er, erfordere einen maßgeschneiderten Ansatz. "Landwirtschaft ist standortspezifisch. Selbst in einem kleinen Land wie den Niederlanden können die Bedingungen sehr unterschiedlich sein."
Dies erfordere auch Flexibilität in der Politik. "Wir brauchen harmonisierte Vorschriften, die jedoch Raum für lokale Anpassungen lassen."
Innovation als treibende Kraft
Innovation bleibt eine der wichtigsten Säulen des Bio-Sektors. "Bio ist von Natur aus innovativ. Die Erzeuger haben sich bewusst für weniger Betriebsmittel entschieden, was bedeutet, dass sie neue Lösungen entwickeln mussten."
Innerhalb seiner Organisation seien mehrere Innovationsprojekte im Gange. "Wir arbeiten an allem, vom Saatgut bis zu Drohnen und digitalen Technologien. Er betont, dass diese Innovationen auch breit anwendbar sein sollten. "Lösungen, die für den ökologischen Landbau entwickelt wurden, können oft auch im breiteren Agrarsektor eingesetzt werden."
Die Zukunft: relevant bleiben
Mit Blick auf die Zukunft sieht Eduardo klare Herausforderungen. "Wir müssen relevant bleiben, vor allem für jüngere Generationen."
Er warnt auch vor Greenwashing. "Es gibt Akteure, die sich als grüner darstellen, als sie sind. Das müssen wir weiterhin anprangern. Wir dürfen uns nicht von Unternehmen mit großen Marketingbudgets in den Schatten stellen lassen, die behaupten, grün zu sein, während der wirklich grüne Bio-Sektor in den Hintergrund gedrängt wird."
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Der Sektor muss daher seine Geschichte besser erzählen, sagt er. "Wir müssen immer wieder erklären, warum Bio die richtige Wahl ist."
Regionale Entwicklung und Bio-Distrikte
Ein wichtiges Konzept für die Zukunft, so Eduardo, seien die Bioregionen. "Das sind Regionen, in denen der ökologische Landbau der Motor für eine breitere wirtschaftliche Entwicklung ist." Dieser Ansatz stärkt die lokalen Systeme. "Er bringt die Erzeuger näher an andere Sektoren heran und macht die ländlichen Gebiete widerstandsfähiger."
Führungsqualitäten und Motivation
Rückblickend räumt er ein, dass Fehler gemacht worden sind. "Aber als Team haben wir daraus gelernt." Er betont, dass seine Arbeit vollständig von der Zusammenarbeit abhängt. "Der Erfolg einer Organisation ist nie ein individueller Erfolg, sondern das Ergebnis von Teamarbeit."
Für ihn ist Führung eine Frage der Zusammenarbeit. "Führung bedeutet, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen sicher fühlen, um zusammenzuarbeiten und Ideen auszutauschen."
Seine persönliche Motivation ist klar. "Es ist meine Mission. Der ökologische Landbau ist meine Art, zum Wandel beizutragen."
"Wir haben uns im Bio-Sektor bewusst für einen schwierigeren Weg entschieden als in der konventionellen Landwirtschaft, indem wir auf Betriebsmittel wie Dünger und chemische Pflanzenschutzmittel verzichten", erklärt er abschließend. "Das erfordert einen innovativen Ansatz. Und es dient einem größeren Ziel: einem gesunden Planeten und einer gesunden Gesellschaft. Darum geht es für uns."
Weitere Informationen:
Eduardo Cuoco
IFOAM Organics Europe
Rue Marie Thérèse 11
1000 Brüssel, België
Tel: +32 (0) 2-2801223
[email protected]
www.organicseurope.bio