Dr. Hans-Christoph Behr, Obst- und Gemüseexperte der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH:

"Die Absatzzahlen der Gewächshausware werden noch steigen, aber nicht die Importe verdrängen"

Seit über 30 Jahren ist Dr. Hans-Christoph Behr in der Obst- und Gemüsebranche als Experte und Berater tätig und ein langjähriges Mitglied der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI). Mit uns sprach Behr unter anderem über die Folgen der aktuell steigenden Kosten für die Branche, über die Entwicklung der Gewächshausproduktion in Deutschland sowie über weitere Trends, die er beobachtet.


Hans-Christoph Behr (rechts außen) mit dem AMI-Team auf dem European Convenience Forum 2022

Gewächshausgemüse in Deutschland
Angesichts der Klimakrise und weiteren Wetter- als auch klimabedingten Umständen wächst auch in Deutschland das Bedürfnis nach geschütztem Anbau. Noch werde Behr zufolge primär Fruchtgemüse im Gewächshaus angebaut. "Bei dem Fruchtgemüse handelt es sich hauptsächlich um Gurken, Tomaten und Paprika. In diesem Bereich ist sicherlich noch viel Luft nach oben. Es besteht aber ein durchaus großes Interesse seitens des Lebensmitteleinzelhandels, regionale Gewächshausware zu beziehen, weil es nur geringe Mengen hiervon gibt."

Hinsichtlich der Preise für Tomaten sei zudem noch ein höherer Preisunterschied zwischen der hiesigen Ware und dem Angebot aus dem Ausland zu erkennen, weil für die Ware aus Deutschland aktuell noch mehr bezahlt werde. Bei Gurken und Paprika sei dies aber nicht der Fall. "Die Absatzzahlen werden sicherlich noch steigen, aber nicht so sehr, dass sie die Importe verdrängen. Daher kam es auch zu keinem Importrückgang, weil die Gewächshausanteile noch relativ gering sind. Bei Paprika liegt der Anteil der in Deutschland erzeugten Ware bei etwa 3-4%, wobei der Wert auf höchstens 6-7% steigt. Das sind zwar dann enorme Wachstumsraten, aber im Gesamtvergleich noch wenig."

Zwar würde der Gewächshaus- den Freilandanteil im Gemüsebereich nicht überholen, jedoch zeichne sich bei einzelnen Kulturen wie etwa Beerenobst bereits ein höherer Trend hin zum Gewächshausanbau ab. "Gerade bei Produkten wie Himbeeren oder Erdbeeren sehe ich durchaus mehr Potenzial. Das liegt unter anderem daran, dass es schwierig ist, diese Produkte ohne Regenschutz ernten, vor allem während des Sommerregens. Wenn eine Erd-, Him- oder Brombeere nass wird, gibt es Schwierigkeiten mit der Haltbarkeit. Hierbei sieht man, dass der Trend zum geschützten Anbau tendiert. Bei Himbeeren ist es sogar so, dass eine größere Menge bereits aus Tunneln kommt. Bei Erdbeeren sind wir sogar bei über 20%. Aber bei ganz normalem Salat oder Blumenkohl sehe ich keinen geschützten Anbau aufkommen. Dafür ist es dann doch wieder zu einfach, diese Produkte aus der Bretagne oder aus Spanien zu beziehen." 

Konsequenzen der steigenden Kosten
Die steigenden Fracht-, Sprit-, Energie und weitere Kosten spiegeln sich Behr zufolge noch nicht im Obst- und Gemüsesektor wider. "Wenn wir uns etwa das erste Quartal 2022 anschauen und hierbei vor allem die Verbraucherpreise in Betracht ziehen, so zeigt sich, dass Obst nicht unbedingt teurer, sondern zum Teil sogar billiger geworden ist als im Vorjahr. Es stimmt, dass Kostensteigerungen durchaus zu sehen sind, allerdings handelt es sich hierbei um langfristige Folgen, die sich auf die aktuelle Saison noch nicht auswirken", weiß Behr.

Nicht Kosten, sondern Verfügbarkeit ausschlaggebend
So seien etwa die Äpfel, die zuletzt verkauft wurden, mit den Kosten für die Baumpflege, den Pflanzenschutz sowie die Ernte, also sprich: den Löhnen und Kosten aus dem Vorjahr finanziert worden. "Die Löhne dürften sicherlich schon gestiegen sein, aber nicht ins Unermessliche. Letzten Endes geht es auch um die Frage, wie viel Ware zur Verfügung steht. Denn schließlich ist die Apfelernte in Europa in diesem Jahr reichlich ausgefallen, gerade in Polen. Dadurch sehen wir, dass der Apfelmarkt aktuell sehr unter Druck steht. Es reicht langfristig daher nicht, nur auf die steigenden Kosten hinzuweisen, sondern vor allem auf die verfügbaren Mengen zu achten", stellt Behr fest. 

Keine markanten, neuen Absatzmärkte
Neue "Revolutionen" sehe Behr bei den Absatzmärkten von Obst und Gemüse aktuell nicht. "Sicherlich hat der Obst- und Gemüsehandel insgesamt hohe, relative Wachstumsraten vorzuweisen", sagt Behr. Der Marktanteil des Online-Handels mit frischem Obst und Gemüse weise aber keine hohen Zahlen auf. "Wenn sich jemand den gesamten Einkauf bringen lässt, ist sicherlich auch etwas Frischware dabei. Man muss hierbei aber zwischen Vollversorgern wie etwa einem Rewe-Bringdienst und Lieferdiensten wie Picnic unterschieden. Letztere sind einfach anders strukturiert und fahren lediglich bestimmte Routen ab, die für sie logistisch gesehen mehr Sinn ergeben."

Rentabilität von Online-Dienstleistern
So hätten Unternehmen wie Getir, Gorillas und Picnic zwar viel Geld zur Verfügung, aber nicht unbedingt schwarze Zahlen vorzuweisen. "Auf Dauer kann das nicht funktionieren, gerade auch wenn man die Lohnkosten mit einberechnet. Solche Modelle können in Ländern mit extrem niedrigen Löhnen zwar sehr gut laufen, wenn jedoch jede Partie einzeln zu jedem Kunden geliefert werden soll, so kann dieses Wirtschaftsmodell schlichtweg nicht funktionieren. Es sei denn, das Unternehmen verlangt einen entsprechenden Aufpreis, wobei die Kundschaft dadurch wieder wegbrechen könnte. In diesem Bereich sehe ich noch nicht die Bäume in den Himmel wachsen." Dienstleister, bei denen das Problem mit der sogenannten 'letzten Meile' gelöst werde, könnten derweil ein gesundes Wachstum hervorbringen.

"Die anderen Dienstleister können zwar auch gute Wachstumsraten verzeichnen. Aber solange die Verluste weiterhin maximiert werden, ohne das jemand dagegenhält, wird das Modell auch so weiterlaufen." Gleichzeitig beobachte Behr aber auch eine Gegenbewegung: "Es gibt Investoren, die diese Form der Finanzierung nicht mehr länger tragen und stattdessen wieder schwarze Zahlen sehen möchten. Dann ist es für diese Unternehmen natürlich sofort vorbei." 

Steigende Wachstumsraten der Bio-Branche
Behr nimmt an, dass die Bio-Branche ebenfalls weitere Wachstumsraten verzeichnen wird. "Wenn wir starke wirtschaftliche Einbrüche haben, sprich: wenn das Wirtschaftswachstum ins Negative tendiert und eine Krisenstimmung herrscht, dann wird der Bioanteil auch in den Hintergrund geraten. Ich denke aber, dass wir noch weit davon entfernt sind. Wenn es richtig hart auf hart kommt, dann wird der Marktanteil für Discounter stärker anwachsen, die Klimadiskussion in den Hintergrund treten und sogar der 'Kampf ums Überleben' vorherrschen. Aber da sind wir nun wirklich weit von entfernt. Solange es uns noch halbwegs gut geht, und ich nehme mal an, dass es auch so bleiben wird, dann wird auch der Bioanteil weiter wachsen, weil es ja auch gefühlt als Krisenlösung gehandelt wird. Etwa für die Klimakrise, generell Umweltkrise, usw. usf." 

30%-Ziel bis 2030 nicht realistisch
Dass der Bioanteil bis 2030 auf 30% anwachsen wird, hält Behr derweil für nicht realistisch. "Die Frage ist natürlich auch, wie das dann umgesetzt wird. Man kann sich viele Ziele setzen. Es wird ja gerade sehr viel über den Vorbildcharakter z.B. von öffentlichen Institutionen und damit auch von öffentlichen Kantinen usw. diskutiert, bei dem ein 'Zwangsanteil' Bio gefordert wurde. Das kann durchaus Trotz hervorrufen. Aber im Moment sehe ich gute Wachstumschancen für Bio, da man dies als Krisenlösung sieht."

Dieser Artikel erschien bereits in unserem Printmagazin Primeur.

Weitere Informationen:
Dr. Hans-Christoph Behr
Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH
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53175 Bonn
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