Abnehmende Verfügbarkeit von Wirkstoffen belastet regionale Erzeugung
„Die Verfügbarkeit wirksamer Pflanzenschutzwirkstoffe nimmt kontinuierlich ab, während gleichzeitig die Anforderungen weiter steigen", bemängelt Karl-Ludwig Rostock, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Sonderkulturen des BBV. „So kann es für die landwirtschaftliche Praxis nicht weitergehen. Wenn Wirkstoffe wegfallen und keine Alternativen zur Verfügung stehen, gerät die regionale Erzeugung zunehmend unter Druck".
Mehr als 60 Expertinnen und Experten aus Praxis, Beratung, Wissenschaft und Verwaltung diskutierten in Innsbruck über die zunehmenden Einschränkungen im Pflanzenschutz. Im Mittelpunkt stand die rückläufige Verfügbarkeit wirksamer Pflanzenschutzwirkstoffe. Seit Jahren verschwinden bewährte Wirkstoffe vom Markt, während neue Wirkstoffe nur sehr verzögert zugelassen werden.
Kritik an unscharfer Risikobewertung im Zulassungsrecht
Im Kern geht es darum, wie Pflanzenschutzwirkstoffe bewertet werden und welche Maßstäbe dabei angelegt werden. Ein zentraler Punkt der Diskussion ist die Unterscheidung zwischen Gefahr und Risiko. Eine Referentin des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) erläuterte, dass die bloße Eigenschaft eines Stoffes noch nichts darüber aussagt, ob er bei der Anwendung tatsächlich schädlich ist. Entscheidend ist, ob unter realen Anwendungsbedingungen ein Risiko für Verbraucher, Anwender oder Umwelt entsteht.
Nach Einschätzung der Teilnehmenden wird dieser Unterschied im europäischen Zulassungsrecht derzeit nicht ausreichend berücksichtigt. Wirkstoffe verlieren ihre Genehmigung häufig bereits aufgrund bestimmter Eigenschaften, auch wenn ihr Einsatz bei sachgerechter Anwendung als vertretbar gelten kann. Damit sehen sich die Landwirte in ihrer Kritik bestätigt und erhalten zugleich fachliche Unterstützung für eine stärkere Ausrichtung an einer risikobasierten Bewertung.
Auswirkungen auf Sonderkulturen
Die Einschränkung wirksamer Pflanzenschutzmöglichkeiten hat insbesondere im Obst-, Wein- und Gemüsebau bereits heute spürbare Folgen.
In vielen Kulturen stehen nur noch wenige Wirkmechanismen zur Verfügung. Dadurch wird ein wirksames Resistenzmanagement zunehmend erschwert und bei starkem Krankheitsdruck steigt das Risiko erheblicher Ernteausfälle – auch im ökologischen Anbau.
Für landwirtschaftliche Betriebe nehmen Produktionsrisiken und Kosten deutlich zu. In zahlreichen Sonderkulturen ist die Situation bereits heute angespannt und setzt regionale Wertschöpfungsketten sowie die Versorgung mit heimisch erzeugten Lebensmitteln zunehmend unter Druck.
Nur wenn das europäische Zulassungs- und Bewertungssystem wieder stärker an wissenschaftlicher Risikobewertung, praktischer Umsetzbarkeit und Versorgungssicherheit ausgerichtet wird, kann die regionale Produktion von Obst, Wein und Gemüse in Europa langfristig gesichert werden.
Forderungspapier "Zukunftsfähiger Pflanzenschutz für Obst, Wein und Gemüse in Europa"
Weitere Informationen:
https://www.bayerischerbauernverband.de/der-bbv/positionen/zukunftsfaehiger-pflanzenschutz-fuer-obst-wein-und-gemuese-europa-39569