Moldau-Spezial: Tony Derwael von Bel'Export

"Ich sehe keine unmittelbaren Chancen für moldauische Äpfel in Westeuropa, wohl aber für Steinobst"

Diesmal hören wir von jemandem aus Westeuropa etwas über die moldauische Geschichte, bei der bisher nur die Einheimischen zu Wort gekommen sind. Wir haben uns an einen Erzeuger/Händler gewandt, der mit dieser südosteuropäischen Region, ihrer Kultur und vor allem mit dem Obstsektor dieses kleinen ukrainischen Nachbarn vertraut ist. Tony Derwael, der Eigentümer von Bel'Export, ist genau der Richtige. "Ich war schon mehr als einmal dort. Ich wollte etwas aufbauen, um nach Russland zu exportieren, aber dazu ist es letztendlich nicht gekommen", erklärt Tony seine Verbindung zur Republik Moldau.

Bel'Export ist ein belgisches Anbau- und Handelsunternehmen, das sich auf Spitzenobst konzentriert - 30 Millionen Kilogramm Birnen und 15 Millionen Kilogramm Äpfel laufen jährlich über die Verarbeitungslinien seiner Verpackungsanlage. Auch dieses Unternehmen wurde hart getroffen, als Russland am 7. August 2014 ein Embargo gegen europäisches Obst, Fleisch, Fisch und Molkereiprodukte verhängte. 

Russland war lange Zeit der wichtigste Markt für moldauisches Obst, doch laut Tony hatten die Erzeuger und Exporteure in der Republik Moldau immer ein Auge auf den westeuropäischen Markt geworfen. "Manchmal mussten wir vor allem Pflaumen importieren, und sie haben es geschafft, diese Lücke zu füllen. Dieses Produkt ist von hervorragender Qualität."

Nur wenige moldauische Äpfel auf dem EU-Markt
"Äpfel sind eine andere Geschichte. Moldauische Äpfel mögen wunderbar schmecken, aber ich sehe für sie wenig Chancen auf dem westeuropäischen Markt. Zunächst einmal ist die Konkurrenz aus Polen zu groß. Das Land hat ein riesiges Angebot und kann das Produkt auch billiger anbieten. Eine Reise von Moldau hierher kostet leicht 5.000 Euro, das sind 0,25 Euro/kg, während man polnische Galas zollfrei für 0,40 Euro/kg bekommen kann. Im Vergleich dazu werden französische Galas für 0,80 bis 0,90 Euro gehandelt. Sobald der Seeverkehr vom Schwarzen Meer wieder aufgenommen wird, stellt sich die Frage, ob die Kühlcontainerschifffahrt - die immer noch dreimal billiger ist als der Straßentransport - eine Chance für die moldauischen Obstausfuhren nach Westeuropa bieten könnte."

Protektionismus?
Unabhängig davon muss die Republik Moldau nicht nur mit billigeren polnischen Produkten konkurrieren, sondern auch - wie in den vorangegangenen Artikeln berichtet - mit dem Prestige, das west- und südeuropäische Produkte genießen. "Die Supermärkte hier bieten Galas an, aber die sind immer aus Frankreich oder Italien", erklärt Tony. In diesem Sinne deutet die Vorliebe der EU-Verbraucher für den lokalen Anbau - aus verschiedenen Gründen - vor allem aus Gründen der Nachhaltigkeit - auch auf eine Form von realem oder implizitem Protektionismus hin. "Frankreich und Deutschland, die größten westeuropäischen Märkte, werden nur dann Produkte importieren, wenn sie keine eigenen Bestände mehr haben."

Dieser Selbsterhaltungstrieb wurde Mitte Juni deutlich. Mitglieder der Association Nationale Pommes Poires (ANPP) und der Fédération Nationale de la Pêche en France (FNPF) sprachen sich gegen den damals noch aktuellen Vorschlag der Europäischen Kommission aus, die zollfreien Kontingente für sieben moldauische Gartenbauerzeugnisse, darunter Äpfel, zu verdoppeln. Diese französischen Verbände stellten die bewundernswerte Absicht dieser Maßnahme (Unterstützung der vom Krieg in der Ukraine betroffenen moldauischen Wirtschaft) nicht in Frage. Sie warnten jedoch davor, dass der europäische Markt, insbesondere der Apfelmarkt, destabilisiert werden könnte.

"Ich bin nicht für Protektionismus, ich glaube an den freien Handel und möchte die moldauischen Erzeuger daran teilhaben lassen. Aber ich glaube nicht, dass die Ausweitung der Quoten ihnen helfen wird, sofort mehr Äpfel nach West- und Nordeuropa zu exportieren. Das liegt auch daran, dass es hier nur wenig Markt für ihre Sorten gibt. Sie bauen nur sehr wenige Jonagolds an, während die Belgier auch nach 40 Jahren noch sehr an diesem Apfel interessiert sind. Sie haben keinen Elstar, dem die Niederländer und Deutschen verfallen sind. Sie haben andere Sorten, die oft neuer sind als die, die wir hier haben. Übrigens muss sich Belgien darauf vorbereiten, den Jonagold gegen einen anderen Apfel auszutauschen. Diese Sorte nähert sich ihrem Verfallsdatum, während der Elstar in den Niederlanden und in Deutschland noch Jahre vor sich hat."

Rumänien, der Nahe Osten und Indien
Was hat die Republik Moldau also zu bieten? "Braeburn und Gala  zum Beispiel, oder Fuji. Ich sehe durchaus Chancen im Vereinigten Königreich und in Rumänien, dem großen westlichen EU-Nachbarn der Republik Moldau, wo man die gleiche Sprache spricht. In diesem Sinne könnte sich die Verdoppelung der Quoten als nützlich erweisen, obwohl Rumänien mit seinen 19 Millionen Einwohnern auch nicht gerade der größte Markt ist."

Tony versteht, dass die moldauischen Erzeuger über den Nahen Osten sprechen. "Darin sehe ich tatsächlich eine Rettung. Dieser Markt ist groß genug (57,6 Millionen Einwohner im Jahr 2021 nach Angaben der Weltbank, wenn man die potenziellen Märkte wie Israel, Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate zusammenzählt - Anm. d. Red.), und die Sorten, die die Republik Moldau anbietet, sind dort beliebt. Es gibt eine gewisse Konkurrenz aus Südafrika und den USA."

"Aber ich denke, die Republik Moldau hat einen Wettbewerbsvorteil in Bezug auf Transportzeiten und -tarife. Ich glaube sogar, dass die europäische Regierung helfen könnte. Sie könnte dem Beispiel der Programme folgen, die USAID über den Industrieverband Moldova Fruct seit Jahrzehnten erfolgreich in ehemaligen Ostblockländern, einschließlich der Republik Moldau, durchgeführt hat. Das wäre sehr nützlich. Moldau ist uns im Nahen Osten sogar überlegen, weil wir die Sorten für den Export auf die Arabische Halbinsel nicht haben. Elstar und Jonagold sind einfach zu weich."

"Die dunkelroten Sorten können nach Indien gehen. Ich habe einigen moldauischen Erzeugern geholfen, indem ich Kontaktinformationen weitergegeben habe. Indien hat eine Menge eigener Äpfel, aber es ist nicht autark. Die indische Produktion ist ungefähr so hoch wie die der gesamten EU, aber es leben dort viel mehr Menschen (nach Angaben der Weltbank hatte die EU im letzten Jahr 447 Millionen Einwohner und Indien 1,393 Milliarden, also dreimal so viele - Anm. d. Red.). Auch Ägypten ist eine Option, und ich glaube, die moldauische Regierung arbeitet daran, diesen Markt zu erschließen. Aber auch Polen mit seiner riesigen Apfelernte ist eine Option."

Ägypten - mit 104 Millionen Einwohnern laut Weltbank - ist keineswegs ein kleiner Markt, doch seit diesem Frühjahr sind die Obstausfuhren in das nordafrikanische Land schwieriger geworden. Wegen des Mangels an Devisen - sprich Euro und Dollar - hat die ägyptische Zentralbank am 1. März 2022 restriktive Zahlungsregeln erlassen. Das betrifft viele Importe. Ziel ist es, die verfügbaren Devisen ausschließlich für Grundnahrungsmittel wie Weizen und Medikamente auszugeben.

Fantastisch guter Wein (und gute Trauben)
Tony sieht Westeuropa zwar nicht als unmittelbaren Absatzmarkt für Kirschen - "aufgrund des Klimas sind die Kirschen dort ein paar Nummern kleiner, als es unser Markt verlangt" -, aber er lobt den Geschmack der Trauben und ein daraus gewonnenes Produkt: Wein. "Der moldauische Wein ist fantastisch, was bei so köstlichen Trauben nur logisch ist. Es ist eine Region, die zu den sonnenreichsten in Europa gehört. Sie sollten bedenken, was der europäische Markt verlangt und entsprechend reagieren. Warum nicht Blaubeeren und andere Beerenfrüchte anbauen?"

Die Türkei als Konkurrent
Die Republik Moldau muss daran arbeiten, Märkte zu erschließen und sich einen guten Ruf zu erarbeiten, denn die Konkurrenz wächst. Und selbst wenn Russland seine Pforten wieder öffnet, wird das Exportpotenzial eher begrenzt sein - Russland weitet seinen eigenen Anbau aus, und andere Länder wie die Türkei gewinnen immer mehr Anteile an diesem Markt. "Die Türkei ist dabei, sich auf mehreren Märkten zu etablieren. Sie wird für Moldau eine Konkurrenz sein - genauso wie für uns. In Russland hat die Türkei bereits einen Teil unseres früheren Anteils erobert, und ich denke, dass sie jetzt die Lücke füllen wird, die das jüngste Embargo gegen moldauisches Obst hinterlassen hat."

Falsche Reaktionen im Jahr 2014
Abschließend möchte Tony noch einmal auf die Ereignisse des Jahres 2014 nach der Annexion der Krim und den anschließenden gegenseitigen Sanktionen zwischen Europa und Russland zurückkommen. "Europa sieht jetzt ein, dass es ein Fehler war, nicht hart gegen den Kreml vorzugehen. Hätten wir entschlossener reagiert, hätte das russische Regime den Einmarsch in die Ukraine vielleicht nicht gewagt. In diesem Sinne haben auch wir, die Obstbauern, falsch reagiert. Aber die Europäische Kommission hätte die Obstbauern vorübergehend entschädigen müssen, was sie nicht getan hat. Sie hat die Erzeuger im Stich gelassen. Sie konnten es sich offenbar nicht leisten zu helfen, aber die Pandemie hat bewiesen, dass die Politiker, wenn sie es wollen, genügend Mittel aufbringen können", so Tony abschließend.

Für weitere Informationen:
Tony Derwael
Bel’Export
Neremstraat 2
3840 Borgloon (België)
Tel: +32 (0)12 67 10 50
Mobiel +32 (0) 475 723 022 
Email: belexport@belexport.com 
Website: www.belexport.com 


Erscheinungsdatum:



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