Karl Voges (Landgard eG) und Prof. Dr. Horst Lang (Globus SB-Warenhaus Holding GmbH & Co. KG) im Gespräch:

"Was hat uns in der Vergangenheit geprägt - was wird uns in der Zukunft bewegen?"

Die Stimmung zwischen Produktion und Handel in Deutschland ist gespannt. Die Erwartungshaltung der großen Ketten stimmt nicht immer mit der Umsetzbarkeit beim Anbau überein - welche Rolle spielen hier die Konsumenten? Schon lange werden Preisbildung und Vorgaben des Handels von Obst- und Gemüseerzeugern kritisiert. Das wurde auch beim Treffen von Landgard eG Vorstand Karl Voges und Prof. Dr. Horst Lang, dem Leiter Qualitätssicherung/Umwelt bei Globus SB-Warenhaus Holding GmbH & Co. KG, klar.

Beide Herren sind bereits seit Jahrzehnten in ihrem Feld tätig und kamen beim Deutschen Obst & Gemüse Kongress in Düsseldorf gemeinsam auf die Bühne um sich darüber zu unterhalten, was die Branche in den vergangenen 10 Jahren geprägt hat und in der Zukunft bewegen wird.

"Mein allgemeiner Eindruck ist es, dass vor zehn Jahren das Obst und Gemüse selbst mehr unter die Lupe genommen wurde - die Konsumenten haben sich beispielsweise für die genutzten Pflanzenschutzmittel interessiert. Heute stehen die Verpackung und die Veredlung mehr im Vordergrund", so Horst Langs genereller Eindruck. Lang und Voges sind sich zudem über die Emotionalisierung des Produktes einig: "Obst und Gemüse sind viel mehr mit Emotionen und Personen verbunden - bei uns geht fast nichts mehr ohne ein Foto des Erzeugers oder eine Geschichte zum Produkt", so Voges.

Innovation rückwärts?
Weiter ging es jedoch mit der Einigkeit nicht: Lang plädiert für eine Wiederbelebung alter Sorten, geschmacklich gute Produkte seien schließlich im Zeitgeist, um auch der jüngeren Generation Obst und Gemüse schmackhafter zu machen. Als Beispiel nennt er Tomaten, die, wie er findet, heute aus dem Gewächshaus weniger gut schmecken. Dem stimmt Voges nicht zu: "Ich selbst stamme aus einem Anbaubetrieb, der zeitweise Tomaten kultiviert hat. Tomaten gehören zudem zu einem der größten Produkte der Landgard eG. Ich kann mit großem Selbstvertrauen sagen, dass der Anbau von alten Sorten im Freiland in Deutschland einfach nicht gut funktioniert, der Krankheitsdruck ist hier zu groß. Es gibt viele, tolle, moderne Tomatensorten die wir heutzutage im Gewächshaus anbauen, die auch geschmacklich sehr gut sind."

Ethische Fragen des Gemüsebaus
Gerade wenn es um die Umsetzbarkeit der Produktion geht, gehen die Meinung des Handels und der Erzeuger auseinander. Gerade beim Thema Nachhaltigkeit müsse man sich fragen ob die Ratio auf der Strecke bleibt.

Voges argumentiert: "Als Erzeuger arbeiten wir generell sehr naturbezogen. Nachhaltigkeit war schon immer ein Thema im Anbau, es hat nur nicht unbedingt diesen Namen getragen."

Lang wiederum sieht dies kritisch - sieht aber auch die gemeinsame Verantwortung: "In Deutschland speziell wurde nach dem Krieg vor allem auf Menge produziert um die Bevölkerung zu ernähren. Dieser Trend hat bis heute bestand. Wir müssen uns nun aber so langsam überlegen ob und wie wir unsere Prozesse überdenken sollten um Verantwortung zu übernehmen. Wie können wir Landwirtschaft betreiben ohne eine Belastung für die Umwelt darzustellen?"

"Wie teuer darf die Liebe sein?"
Damit war auch der Übergang zu zwei der Lieblingsthemen des deutschen Handels geschafft: Bio und Regionalität. Beide Themen verlaufen im letzten Jahrzehnt Kopf an Kopf, wobei aktuell die Regionalität einen kleinen Vorsprung zu haben scheint. Regionale und biologische Produkte seien am besten für Liebhaber geeignet. Die große Frage ist hier jedoch: "Wie teuer darf die Liebe sein?"

Karl Voges glaubt an die Stärkung der Regionalität. "Die Konsumenten wollen Vertrauen zu ihren Produkten haben, das erreicht man sehr einfach durch die Regionalität. Ich möchte aber natürlich auch nicht unrealistisch sein: Manches Obst und Gemüse kann man einfach nicht regional für den deutschen Markt produzieren." Zudem erhofft er sich einen stärkeren Fokus auf die Saisonalität der Produkte und somit ein besseres Verständnis der Verbraucher für die Möglichkeiten der heimischen Produktion.

Lang glaubt nicht an die Wichtigkeit der Saisonalität im Handel: "Man muss immer im Hinterkopf behalten, dass schließlich 70% unseres Obst und Gemüses importiert werden. Es ist auch keine Sache des Preises - die Leute haben einen gewissen Standard und möchten diese Produkte kaufen, egal zu welchem Preis. Danach richten wir uns und haben die Artikel dann auch im Sortiment." Daher liegt für ihn der Fokus eher auf der zuverlässigen, ganzjährigen Beschaffung aller dieser Produkte.

KI um Corona-Situationen einzudämmen?
Horst Lang: "Während der Hochphase der Corona-Krise gab es durchaus einige Fehlmengen, vom Anbau bis zur Anlieferung in die Geschäfte gab es Probleme. Das Ziel ist es noch flexibler und schneller zu werden um mit Situationen dieser Art umzugehen." Künstliche Intelligenz wäre seiner Meinung nach ein Werkzeug um die Kette zu optimieren.

Voges glaubt, dass KI dabei helfen können Anbauprozesse zu optimieren: "Es fehlt im Anbau zwar noch an vielen Stellen - wir sind aber dran."

Das Coronavirus hatte zudem einen großen Einfluss auf den langsam wachsenden Onlinehandel in Deutschland. Beide sind sich einig, dass der Durchbruch, gerade bei Obst und Gemüse, noch nicht erreicht ist. "Allerdings denke ich, dass die deutsche Bevölkerung insgesamt zu alt ist", so Lang. "Es gibt zu viele Zweifel was Ultrafrisch im Onlinehandel angeht. Das Einkaufserlebnis fehlt, so sind die Kunden skeptisch. Jedoch glaube ich, dass es ein fester Bestandteil am deutschen Markt sein wird."

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