Es macht absolut Sinn, dass sich die Schweizer Wirtschaft Gedanken macht, wie das Inländerpotenzial bei den Arbeitskräften besser ausgenützt werden könnte – llerspätestens seit dem knappen Ja zur «Initiative gegen die Masseneinwanderung» im Februar 2014. Genauso macht es Sinn, dabei auch an die Flüchtlinge zu denken – nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise ist Integration oder mindestens deren Versuch umso wichtiger, auch um Ängste und Vorurteile abzubauen.
Foto: Ali Abdirisaq aus Somalia war einer der Flüchtlinge, die im ersten Jahr des Pilotprojekts auf einem Schweizer Betrieb arbeiteten. (Bild Jeanne Woodtli)
Einer, der den Versuch wagt, ist Biobauer Markus Ramser aus Illhart TG. Im Rahmen des Pilotprojekts zur Integration von Flüchtlingen in die Landwirtschaft stellte Ramser einen 28-jährigen Eritreer auf seinem Hof an. Ausgerechnet ein Angehöriger einer Nation, welche immer wieder für negative Schlagzeilen sorgt. Prompt musste sich Ramser Sprüche wie «Pass auf, eines Tages wird er dich erschiessen» anhören, wie der Bauer am Mittwoch vor Journalisten erzählte. Solche Bemerkungen sind einerseits unterste Schublade, zeugen aber andererseits auch einfach von Angst vor dem Fremden, Angst vor einer anderen Hautfarbe.
Markus Ramser hat mit seinem Mitarbeiter nur gute Erfahrungen gemacht. Der junge Mann ist dermassen motiviert und pflichtbewusst, dass er nun sogar eine Lehre in der Landwirtschaft beginnen kann. Ein schönes Beispiel von gelungener Integration und das Zeichen dafür, dass es sich lohnt, mutig zu sein und einem Flüchtling eine Chance zu geben.
Es hat sich aber nach dem ersten Jahr des Pilotprojekts von Schweizer Bauernverband und Staatssekretariat für Migration auch gezeigt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Nicht nur ist es nicht einfach, Betriebe aufzutreiben, die einen anerkannten Flüchtling oder vorläufig Aufgenommenen anstellen wollen. Auch Flüchtlinge zu finden, die in der Landwirtschaft arbeiten wollen, ist offenbar nicht so einfach.
Irgendwie scheint das unverständlich, stellt man es sich doch schöner vor, eine Arbeit und einen ausgefüllten Tag zu haben, als ihn sich auf der Strasse oder im Einkaufszentrum um die Ohren schlagen zu müssen. Vielleicht hat die Skepsis gegenüber der Landwirtschaft aber auch einen kulturellen Hintergrund: Dort, wo die Flüchtlinge herkommen, gehören die Bauern meist zur ärmsten Bevölkerungsschicht. Gleichzeitig lassen sich ja auch kaum Einheimische finden, die diese körperlich harte Arbeit verrichten wollen. Ebenso ist es irgendwie verständlich, dass die Aussicht, auf einen abgelegenen Hof ohne Landsleute zu ziehen, einige Flüchtlinge abschreckt. Nicht nur Schweizer(innen) haben Angst vor dem Fremden und Ungewissen.
Die Zusammenarbeit verlief nicht in jedem Fall erfolgreich, so mussten drei Einsätze vorzeitig abgebrochen werden. Gleichzeitig wurden drei Flüchtlinge über die eigentlich vorgesehene Dauer hinaus weiter beschäftigt. Eine ausgeglichene und deshalb durchaus erfreuliche Bilanz.
Das Pilotprojekt muss sich ab und an den Vorwurf gefallen lassen, es sei nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Natürlich sind 15 vermittelte Flüchtlinge pro Jahr nicht gerade die Welt, trotzdem ist das Projekt eine gute Sache. Es ermöglicht in geschütztem Rahmen, Erfahrungen zu sammeln, die hoffentlich später helfen, die Initiative auszudehnen. Es ermöglicht einigen Flüchtlinge einen sinnvollen Tagesablauf, eine Arbeit, in der sie mehr über die hiesige Gesellschaft lernen, sich integrieren können und erst noch gutes Geld verdienen. Jeder Flüchtling, der finanziell auf eigenen Beinen steht, ist doch für unser Land und unsere Staatskasse ein Gewinn.
Das Projekt hat ausserdem Signalwirkung. So haben sich bereits mehrere Kantone inspirieren lassen und eigene Projekte entwickelt. Weitere ähnliche Initiativen werden folgen.
Auch ist es ein Imagegewinn für die Landwirtschaft, dass sie mit gutem Beispiel vorausgeht und vielleicht andere Branchen zu ebensolchen Projekten anspornt. Sie zeigt sich so als moderne und weltoffene Branche, ein Ruf, der ihr ja wahrlich nicht immer vorauseilt.
Quelle: bauernzeitung.ch, Jeanne Woodtli
In der Analyse schreiben Redaktionsmitglieder über Themen, die sie beschäftigen. Diesmal Stv. Chefredaktorin Jeanne Woodtli über das Pilotprojekt, welches das Potenzial von Flüchtlingen als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft abklären soll.